Filimon Abraham: Hoffnungsträger

1. November 2022 •

Filimon Abraham ist aus Eritrea in den Chiemgau gekommen. Nach achtmoniger Flucht durch Afrika über das Mittelmeer. Er hat eine neue Sprache gelernt und den Beruf des Schreiners und dabei seine große Leidenschaft, und sein größtes Talent, erst einmal hinten angestellt. Jetzt aber kann es ihm nicht schnell genug gehen. Über einen. der gerade dabei ist, richtig Fahrt aufzunehmen.

Ob ihm etwas fehle, hier zuhause in Traunstein, wo sich die Alpen allenfalls als zarte Andeutung über die sanft wogende Landschaft legen. Wo es viele kleine Dörfer gibt, manchmal kaum größer als zwei, drei Bauernhöfe, und deshalb viele kleine Straßen mit wenig Autoverkehr. Wie gemacht, um die schnellen, galligen Einheiten in einem Tempo abzureißen, die manche Rennradler*innen neidisch machen würde. Ob ihm also irgendetwas fehle in seiner neuen Heimat. Die Höhe vielleicht, damals in Eritrea hat Filimon Abraham auf rund 2000 Metern gelebt, das Höhentrainingslager als Dauerzustand. Und das Essen, die lange geschmorrten Eintöpfe vor allem, mit Lamm oder Ziege, mit frischen Tomaten, Kichererbsen und einer Berbere genannten Würzpaste, die vor allem aus Chilischoten besteht. Aber die eritreische Küche braucht Zeit. In weniger als einer Stunde ist kein Gericht zubereitet. Andere köcheln schon mal drei oder sechs Stunden. „Für sowas habe ich ja gar keine Zeit, da gehe ich lieber laufen.“

  Filimon Abraham ist einer, der in seinem Leben Prioritäten setzt. Der Prioritäten setzen musste. Endlich aber ist das Laufen seine oberste Priorität. Filimon Abraham hat sich daran gemacht, einer der schnellsten Läufer Deutschlands zu werden.

  Aber der Reihe nach. Oder viellicht doch eher von mitten drin. Im Frühjahr 2014, ab dem  Filimon Abraham acht Monate unterwegs war. Kein Ultralauf. Oder, halt, irgendwie schon. Auch wenn der heute 28-Jährige in dieser Zeit erst einmal nicht ans Laufen gedacht hat. Einzig ans Vorankommen, Durch den Sudan nach Ägypten, mal zu Fuß, mal auf der Pritsche eines überladenen LKWs. „Unsere Regierung ist seit Jahren, seit Jahrzehnten sehr, sehr komisch.“, umschreibt Filimon Abraham die Lebensumstände unter einem Regime, dessen Wilkür sich auch daran messen lässt: Geflüchtete aus Eritrea werden in Deutschland in den meisten Fällen anerkannt. Soweit aber war er im Sommer 2014 noch nicht. „Man hat ja mit anderen, die auf den Transitrouten unterwegs waren geredet. Man kennt Geschichten von denen, die es nach Europa geschafft haben. Mir war damals bewusst, dass das keine Woche dauert und auch keinen Monat.“ 

 Aber klar, seine gesunde Physis und auch seine mentale Stärke hätten schon auch dazu beigetragen, die Strapazen der Flucht, die Umwege und die Ungewissheiten stoisch zu nehmen. Wo er denn genau hin wollte? „Wir Afrikaner haben vermutlich ein genauso einseitiges Bild  von Europa, wie ihr es von Afrika habt. Unser Bild kommt aus den Filmen, da ist Europa überall sehr reich und sehr schön. Einzelne Länder konnte ich aber gar nicht unterscheiden. Holland, Deutschland, Schweden, Großbritannien, irgendwie, irgendwo dort hin.“ Am Ende war Filimon Abraham im hessischen Gießen gelandet. Und wurde, als anerkannter Geflüchteter, in den Landkreis Traunstein „verteilt“.

(c) Philipp Reiter

SENIOREN IN LAUFSCHUHEN

Filimon Abraham läuft, seit er zehn Jahre alt ist. Er kannte Leute die einen kannten, der mal bei den Olympischen Spielen angetreten war. Kein Medaillengewinner, aber immerhin. Filiomon lebte den Traum dieser Athleten und ein Stückweit auch deren Leben. Wenn da nicht, mit 16, 17 Jahren, auch die schwere körperliche Arbeit auf den Feldern gewesen wäre. Die meisten Eriträer sind Bauern, so auch die Familie von Filimon. Was ihm denn im Chiemgau als erstes aufgefallen sei? „Die ganzen alten Leute die laufen, 50-Jährige, 70-Jährige, sie machen das einfach so zum Spaß. Bei uns in Eritrea läuft niemand einfach zum Spaß. Und die meistens sind von der schweren körperlichen Arbeit so erschöpft, dass sie es auch gar nicht könnten.“

 Auch Filimon läuft wieder. Es ist das, was er am liebsten macht und was er am besten kann. Obwohl, wie er innerhalb von zweieinhalb Jahren die deutsche Sprache lernt, wie er dann eine Lehrstelle als Schreiner findet und die dreijährige Ausbildung mit der Gesellenprüfung abschließt, das brauchte sicher auch jenen zähen Willen, den es auch als Leistungssportler braucht. Und die absolute Fokussiertheit auf ein Ziel. Sein Gesellenstück: eine Vitrine für seine Pokale und Trophäen. Aber auch wenn Zeitungsartikel aus dieser Zeit von Berg- und Volksläufen erzählen, bei denen Filimon Abraham immer mindestens auf das Podium gerannt ist, so ist es ihm doch ernst mit der Unterscheidung, dass er erst seit dem vergangenen Herbst wieder ernstzunehmend für eine Läuferkarriere trainiert. 

 Dafür hat der kleine, drahtige Kerl seinen Job aufgegeben. Statt als Schreinergeselle arbeitet er nun in der Chiemgauer Lampenmanufaktur eines befreundeten Paares. Für die Firma Heimatlicht montiert er Leuchten in Heimarbeit. Eine Arbeit, die er sich zwischen und nach den beiden täglichen Laufeinheiten selbst einteilen kann. 160 Kilometer trainiert er so pro Woche. Das Trainingstempo? 3:40er-Schnitt – bei seinigen wenigen langsamen Läufen.  

(c) Philipp Reiter

Zum ersten Mal in seiner Karriere hat Filiomon Abraham nun auch einen Trainer. In diesem Frühjahr war er zudem fünf Wochen im Höhentrainingslager in Kenia. Hat erlebt, was es heißt gemeinsam mit der Weltspitze zu trainieren. Und auch, „was mir zum aktuellen Zeitpunkt noch fehlt.“ Vor allem hat er das so lange ersehnte Gefühl spüren können, einfach nur für das Laufen zu leben. Na klar will er mehr davon. Und doch ist der inzwischen eingebürgerte Eriträer Realist genug, um den zweiten Schritt nicht vor dem ersten zu gehen. Und den vierten nicht vor dem dritten. Dieses und wohl auch das nächste Jahr seien noch Aufbaujahre. Grundlagentraining. Es geht um das Fundament, von dem aus Filimon Abraham schon auch um ein Olympiaticket mitlaufen möchte. Eventuell, für die Spiele 2024 in Paris.

 Was er sich wünscht? Einen Carbonschuh von seinem Partner Salomon. Aber der sei,  jetzt ist es raus, ja bereits angekündigt. Und eine stetige Verbesserung in kleinen Schritten. Eine neue Bestmarke über die 10 Kilometer, gelaufen bei einem Elite-Einladungsrennen in Chemnitz Ende Mai, sollte eigentlich schon stehen, wenn dieses Heft am Kiosk liegt. Auch ein schneller Halbmarathon sei für dieses Jahr noch geplant.

  Und dann. Wie steht es um die Trails? Um die Ultradistanzen gar? „Ich kann mir das echt noch nicht vorstellen, zehn, elf Stunden uneterwegs in den Bergen, immer laufen, laufen laufen.“

Wir können uns alle nicht vorstellen, acht Monate von Eritrea bis nach Traunstein unterwegs zu sein. Wobei die Zeit in Bewegung, so versichert Filimon Abraham, noch immer eine hoffnungsvolle war. Viel schlimmer war das Warten. 

 Sagt einer, der jetzt endlich losrennen kann.

Dieser Artikel, geschrieben von Clemens Niedenthal, erschien im Frühjahr 2021 in der gedruckten Ausgabe des Trail Magazins

von Clemens Niedenthal

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