Wir waren mal Transalpine-Helden gewesen …

31. März 2026 •

Mein Kumpel Till und ich taten es 2022: Wir liefen gemeinsam den Dynafit Transalpine Run und kamen bis ins Ziel. Es war ein Abenteuer von dem wir bis heute schwärmen und das ich wirklich allen empfehle ...
In meinem Sport gibt es diese festen Säulen: Kilian Jornet siegt immer, ich vertrage keine Energy-Gels, ich starte immer zu schnell. Und - es gibt den Transalpine Run, seitdem ich ein Trailrunner bin. Grund genug zum dritten Mal dabeizusein. Eine Alpenüberquerung mit allen Konsequenzen, Emotionen und Umwegen.



Als der Transalpine Run im Jahr 2005 zum ersten Mal seinen Weg als Wettkampf über die Alpen fand, stellte Gerhard Schröder die Vertrauensfrage, verkaufte Adidas Salomon und starb Modezar Rudolph Mooshammer.
Schröder und Mooshammer hätten es niemals zu Fuß über die Alpen geschafft, mit Adidas und Salomon wäre man auch heute noch gut ausgerüstet, wobei aktuell Dynafit als Hauptsponsor des „TAR“ dem Event und auch der neuen Route seinen alpinen Stempel aufdrückt.
Die Route über 290 Kilometer und 17.500 Höhenmeter sollte die anspruchsvollste in der Historie des Team-Wettbewerbs werden.
Über den Transalpine Run zu berichten ist von außen betrachtet fast unmöglich. Das Rennen, welches sich in 8 Etappen und 8 Tagen von Garmisch bis nach Vals in Südtirol fortbewegt, wird nach nur wenigen Tagen zu einer Glocke und eingeschworenen Gemeinschaft. Wer also wissen möchte, was oder wie der TAR ist, muss sich die Mühe machen, selbst teilzunehmen.
Es gibt schwere Bergläufe, epische Ultratrails, den UTMB, Skyraces oder Adventureruns, aber eben nur einmal den „TAR“. Kein anderer Trailrun auf der Welt bringt seine Teilnehmer so sehr an spezielle Grenzen, denn am Ende ist es die pure Dauer über eine ganze Woche in Verbindung mit Tagesstrecken, die an die Marathondistanz heranreichen und dabei oft bis zu 3000 Höhenmeter schwer sind.
Eine Woche lang sind wir eine Person.
Till und Denis. Ein Team. Für 8 Tage. Kategorie: Senior Master Men. Addiert über 100 Jahre jung. Wir starten als Team „Trail Magazin“. Für Till wird es nach vielen tollen Wettkämpfen, einem UTMB Finish, Altersklassen-Siegen beim ZUT oder im Oman, der erste Transalpine-Start sein. Ich weiß zumindest was auf mich zukommen kann, denn es wird meine dritte Teilnahme sein. Immer hin kam ich immer gesund und zufrieden an. Das soll mit Till natürlich genauso ablaufen.

Ich erinnere mich an meine beiden Teilnahmen 2015 und 2017. Zunächst lief ich mit Tom Wagner, einem viel, viel stärkeren Partner. Eigentlich vollkommen inkompatibel, aber dadurch, dass Tom sich damals zu 100% auf mich einließ, mich zog, schob und sich kümmerte, waren wir eine echte Einheit - ohne Stress, ohne Streit oder Befindlichkeiten. Er hätte viel schneller sein können, aber darum ging es nicht. Ihm nicht und mir erst recht nicht.
Zwei Jahre später stand ich am Start der Westroute mit Gerald Blumrich, einem 15 Jahre älteren Läufer. Wir waren auf dem ein und selben Niveau. Wir hatten den gemeinschaftlichen Sinn, einfach eine nette Woche laufenderweise zu verbringen und kamen mehr als glücklich in Italien an.
Mit Till ist es diesmal ein wenig anders. Wir sind auch außerhalb des Events ein Trainingsteam, leben im selben Ort, kennen einander gut und waren in Coronazeiten auch ein wenig zu langen Trails ohne Startnummer verdammt. Dass wir beide als Duo hier mitmachen ist mehr als nur logisch, konsequent und sinnvoll. Seit Monaten reden wir darüber, studieren die Startliste, um zu eruieren, wer uns in Konkurrenz steht. Jeder Trainingslauf im Vorfeld ist so etwas wie eine Trockenübungs-Etappe.

Nun ja, irgendwann ist es dann jedenfalls soweit. Start. Erste Etappe. Wir holen unsere Startnummern, bekommen riesige Taschen, die für eine Woche von Ort zu Ort, Hotel zu Hotel wandern. Dass das auch mal holprig ist, erfahren wir später. Wieso sollte unser Gepäck problemlos vorankommen, wenn wir es auch nicht tun?
Am Vorabend checken wir im Hotel ein, holen uns die letzte Speisung, breiten die Ausrüstung für den frühen Morgen, die erste Etappe von Garmisch nach Nassereith auf den Betten aus und kommen anschließend nicht in den Schlaf. Zwei gestandene Männer, ein Jurist, ein Journalist sind nervös und zappelig, wie Teenager vor der Abschlussfahrt nach Paris.

Um 8 Uhr fällt der Startschuss. Wir rennen mit 300 anderen Teams in einem 4:15er Schnitt aus dem Ort hinaus in Richtung Eibsee. Wir sind zu schnell. Viel zu schnell. 43 Kilometer und 2500 Höhenmeter später wissen wir das natürlich. Am Nachmittag liegen wir wieder im Hotel. In einem anderen, einem Hotel, das ich seit Jahrzehnten kennen und nie und nimmer auf die Idee gekommen wäre, dort einzuchecken. Vom Balkon aus blicken wir auf den Stau der Fernpaßstraße, auf viele holländische KFZ-Kennzeichen. Alles nach dieser schweren Etappe wirkt skurril. Till und ich sind noch nicht im Rennen angekommen. Wir meiden am Abend die Pastaparty - wie so oft in den kommenden Tagen, denn die Wege dorthin erscheinen uns mit dem Shuttlebus zu weit und wir sind müde. Sehr müde.
Im Prinzip nutzen wir jede Sekunde nach den Läufen für unsere Regeneration. Früher war das anders. Ich sag es wie es ist: Mit 49 und 53 kann man noch sehr flott die Berge hoch und wieder runter, aber man braucht Erholung und Ruhe und die Zeit, dies zu tun.
Am nächsten Morgen vergisst der Shuttlebus, dass rund 20 Teilnehmer im Hotel Fernsteinpass darauf warten, um 5.30 Uhr abgeholt und zum Start nach Imst gebracht zu werden. Er kommt einfach nicht. Wir frieren. Eine Stunde lang und dann wird der Start wegen uns um 10 Minuten verschoben. Der Tag am Tschirgant wird dennoch großartig und von einzigartigen Panorama-Blicken geprägt. Wir sind im Flow, erkennen im Ziel aber doch sehr, dass wir hier darum kämpfen in den Top10 unserer Klasse zu landen. Die Teams vor uns erscheinen heldenhaft, bärenstark und zäh. Platz 10 ist unser Ziel. Unser Traum, einmal auf diesem Podium zu stehen und sei es nur auf einer einzigen Etappe, wird unerreichbar bleiben. Überhaupt fällt mir auf, dass dieser Transalpine Run eine Entwicklung hinter sich hat - zwar mögen internationale Top-Teams fehlen, große Namen dem Event fern bleiben, aber in der Breite und im ersten Gesamtdrittel ist alles ein großen Schritt nach vorne geschritten und zusammengerückt. Es ist beeindruckend, wie schnell der sogenannte „Breitensport“ hier über die Alpen rennt, wie professionell das alles angegangen wird. Die meisten hier haben sich seriös, mit Trainingsplan und persönlicher Trainingsunterstützung auf diese Woche vorbereitet. Till und ich übrigens nicht. Hätten wir mal sollen. So, bleibt uns nur unsere Erfahrung, das Zurückgreifen auf alte Leistungen und das Wissen, daß wir es irgendwie schon können.
Die dritte Etappe ins Pitztal treibt allen, wirklich allen den höchsten Respekt in die Beine. 54 Kilometer. 2700 Höhenmeter. Ein mächtiges Ding, irgendwie unvermittelt am Anfang des Rennens, früh genug, um es zu laufen, aber mit soviel Restdistanz, dass man sich viel Gedanken darum macht, wie man mit dieser Ultrastrecke die folgenden Tage überstehen soll. Es wird meine persönliche Qual und auch eine Prüfung für Till. Bei Kilometer 21 von 54 drückt der Magen. Alles muss raus. Ich hänge über dem Zaun. Teams laufen an uns vorbei, fragen nach dem Befinden, das ja keinerlei Interpretationsspielraum bietet.

Irgendwann sind wir bei Halbzeit. In Mandarfen wartet ein Ruhetag auf uns, der keiner ist. Ruhetag bedeutet beim TAR nämlich Bergsprint. 800 Höhenmeter hinauf zum Rifflsee, eine Runde flach ums Wasser und nach 7 Kilometern Ende. Ein Laktatmonster, das einem immerhin jegliches Bergablaufen und etwas Muskelschonung verspricht. Diese kurze Qual ist jedenfalls nicht so ganz unser Ding. Wir landen auf Rang 14, bleiben jedoch solide auf Gesamtplatz 10.
Wer nun wissen möchte, was wir bei diesem TAR vor und nach dem Laufen erlebt haben, sei gesagt, dass sich das kurz beantworten lässt - schlafen, essen, altersgerecht Blödsinn daherreden, Beine mit Latschenkieferöl einreiben, Lanz in der Mediathek schauen und dabei schimpfen.
Auf der fünften Tagesetappe verlassen wir das Pitztal und überqueren die 3000er Marke, um über beeindruckende Restgletscherwelten und hochalpin ins Ötztal zu laufen. Ein Steinschlag Felsstück rast Zentimeter an meinem Kopf vorbei, ich bleibe geschockt stehen, habe butterweiche Beine, will alle Gedanken um mein Glück manifestieren, kann für 10 Sekunden keinen Schritt tun, um danach mit zwei lauten Ausatmungen die Lücke zu Till wieder zu schließen.
Inmitten des TAR angekommen, fühlen wir uns als Teil eines großen Ganzen, als Mitglieder einer echten Gruppe. Längst laufen wir Tag für Tag mit den selben anderen Teams, mal sind wir vor Ihnen mal hinter ihnen. Man kennt sich, man findet gute Worte. Ich weiß nicht, ob „Konkurrenz“ der richtige Begriff ist. Vermutlich nicht.
Der TAR ist auch das Resultat der Umstände. Die von Rennchef und Bergführer Martin Hafenmaier geplante neue Route ist alpiner und attraktiver denn je, aber auch anfälliger als früher. Schlechtes Wetter lässt keinen Plan B zu - es geht direkt zu Plan C. So auch am sechsten Tag. Die Etappe, wie ursprünglich geplant fällt aus und wir finden uns, wie alle anderen auch, in einem Shuttlebus wieder. Die Überfahrt ins Stubaital bei grausamer Witterung und Regen erinnert an eine Klassenfahrt. Die Vorstellung heute bei Neuschnee an der 3000er Marke zu laufen, ist keine sonderlich Schöne. Stattdessen bekommen wir bis zum Nachmittag Zeit und finden uns überrascht in einem Rennformat, das mit der geplanten Strecke zwar nichts zu tun hat, aber doch hochspannend klingt. Wir laufen 6,5 Kilometer auf der Berglauf WM Strecke 2023 nach oben, um von dort in einer Schleife wieder nach unten zu ballern. Der Veranstalter nennt das heute „Berglauf Up und Down“, ich kenne es als klassisches Skyrace. 13 Kilometer und 1000 Höhenmeter. Till und ich schenken uns voll ein. Laufen hoch was geht und runter ebenso. Rang 9 und das Wissen, daß nach so vielen Tagen die Beine noch immer, oder endlich gut sind.
Am Abend überkommt uns die Ehrlichkeit. Till gibt zu, dass er mit fünf oder sechs Etappen auch ganz happy gewesen wäre und ich füge sehr beruhigt hinzu, dass es mir genauso geht, dass die Angelegenheit hier ein ganz schönes Brett ist und das Ziel in Südtirol noch so fern scheint.

Tag 7. Es ist zu früh.
Schon wieder ein Start um 6.30 Uhr. Es wird der ungemütlichste Tag aller Tage und ist durchzogen von einer gewissen Härte, Schwere und viel Regen. Es wird nie hell.
Laut Rennchef die technisch schwerste Etappe und wohl so etwas wie eine Strecke, die er seit Jahren unbedingt haben will. Für uns. Für sich. Es wird nicht klappen.
Nach 2 Stunden und 30 Minuten überschreiten wir das Simmingjöchl und werden vom Rennchef begrüßt, der in einem schicken Regen-Poncho gekleidet darauf hinweist, dass die Etappe in 2 Kilometern bei der Bremer Hütte endet. Abbruch.
Till:“ Ähh. Wie? Meint er das ernst, Denis?“
„Ja, klar, meint der Hafenmaier das ernst. Der Rennchef macht doch mit einem Rennabbruch keine Ironie und Comedy auf 2740 Meter Höhe bei Pisswetter.“
Doch das Rennen ist nicht wirklich zu Ende an der Hütte auf 2400 Meter, sondern lediglich von der Zeitnahme ausgeklammert. Wir müssen 8 schwere Kilometer ins Tal absteigen. Im Matsch, auf Trails, die längst Bäche sind. Es wird ein 2 Stunden Hike, der mir schwerer in die Beine geht als der Rennmodus. Unten warten in einem vom Veranstalter rasch aufgebauten Lager warme Suppe und Brote und wieder einmal Shuttlebusse.
Dieser Tag zerrt vielen an der Substanz - es gibt einige, die das Rennen heute beenden. Entweder weil sie schlicht keine Lust mehr haben, müde sind, verletzt sind oder erkältet. Hier auszusteigen ist bitter, denn die letzte Etappe soll mit allem versöhnen was war. Die letzte Etappe, wird für Till und mich etwas ganz besonderes, ein harter Kampf, der dennoch Flow hat und einen Zielort, der uns irgendwann einfach magisch anzieht.

Wieder Samstag.
Es ist wieder Samstag. Die Stimmung im Startbereich der letzten Etappe ist positiv aufgeladen. Alles hat heute Energie. Eine Erleichterung, daß das Ziel so nahe ist. Es erinnert auch an die erste Etappe, vor genau einer Woche. Es kommt mir länger vor. Es scheint irgendwie so als ob wir für viele Wochen in diesem Trupp voranziehen, als ob wir seit Monaten über die Alpen laufen. Zwar ist jede Etappe anders, jede Landschaft besonders, aber doch fällt man hier in eine Art Tagesroutine, die es schwer macht, die einzelnen Tage als eigenständige Erlebnisse wahrzunehmen.
Ein Geschenk ist dieser letzte Tag eben auch nicht. Die Strecke ist wundervoll, nochmals mit zwei Anstiegen gespickt, die nahe der 3000 Meter gipfeln, aber fast alles ist laufbar und durchzogen von Sonne und Spätsommer-Licht. Till und ich geben alles. Mehr geht nicht. Wir wuchten uns mit wütendem Stockeinsatz die letzten Höhenmeter, durch ein Irrsinnig steiles Geröllfeld nach oben. Es geht ab hier nur noch nach unten. Alle 15.000 Höhenmeter sind im Sack. Till weiß das, ich weiß das. In uns steigt alles an Energie auf, was es geben kann und wir stürzen uns in den 12 Kilometer langen Downhill, der nur ein Ende hat - das Ziel in Vals.
Auf den letzten flachen 2000 Metern reduzieren wir das Tempo, wollen alles, absolut alles genießen und versuchen den Moment so bewusst wie nur möglich zu erleben. Es gelingt uns ganz gut.
Der Augenblick der unsere letzten Schritte in die große Festhalle über den Zielstrich markiert, bleibt unvergesslich.
Wir fallen uns in die Arme, lassen uns von all denen, die vor uns finishten bejubeln und begreifen für Minuten nicht, was mit uns los ist. Das wars? So plötzlich? Vorbei?
Meine lieber Herr Gesangsverein - was für ein Trip. Was eine Woche und was für ein Ende.
Ich war mir so sehr sicher, dass 3 Teilnahmen reichen, dass ich das nun nicht mehr brauche. Oder?
Heute sieht das anders aus. Die Idee nochmal ein Teil dieses einzigartigen Events zu sein, hat mich nur 10 Tage nach dem Zieleinlauf ganz fest im Griff.






von Denis Wischniewski

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