Aus der Faszination und fernen Beziehung zum Höhenbergsteigen entsteht die Idee, genau 8848 Höhenmeter nonstop auf Trails zu laufen. Das Projekt „Mind Everest“ soll direkt vor der Haustüre zeigen, wie riesig die Berge Nepals sind und wie einzigartig unsere Alpen.
Ich bin Trailrunner. Kein Kletterer, kein Bergsteiger. Die hohen Berge faszinieren mich sehr und die ganz hohen und diese ganzen dramatischen Geschichten um deren Eroberung noch viel mehr.
8848 Meter hoch ist der höchste Berg der Welt. Auf ihm stehen werde ich nie und ihn mit eigenen Augen sehen — wohl kaum. Irgendwie musste ich den Mount Everest für mich selbst etwas greifbarer machen und eine Idee war geboren.
„Word ihr ni jerode eben schonemal da oben?“, fragt uns der ostdeutsche Tourist, der hier am Walchensee die Alpenluft eines schönen Maitages genießen will und auf einem Zick-Zack-Trail vom Herzogstandhaus hinab zum See wandert.
Sein Kamerad gibt ihm die Antwort: „Nu, das hab ich aber och schonemal schneller jesehen!“ Ich zögere mit der Antwort, überlege lange und kontere: „Das mag ja sein, aber wir laufen gerade zum sechsten Mal hier hoch.“ Stille. Entweder die Herren sind nun unglaublich beeindruckt oder sie halten uns für süddeutsche Angeber und Lügner.
So recht schaffe ich es heute nicht, den Wandersleuten plausibel zu vermitteln, wieso ich immer und immer wieder an ihnen vorbeilaufe. Mir selbst habe ich die Antwort schon längst gegeben, denn ich bin nach 5100 Höhenmetern an diesem Tag mittendrin im Berglauf-Flow und stemme meine Stöcke routiniert in den vom schmelzenden Schnee nassen Trail und drücke mich mit aller Kraft nach oben.
Das Spiel hatte um 7.30 Uhr begonnen und jetzt, nach fast 12 Stunden, weiß ich nicht, ob ich mein Projekt „Mind Everest“, ein Nonstoplauf, bei dem ich genau 8848 Hm auf der Uhr sehen will, schaffen werde. Es gibt keine Startlinie, keine Nummer, keinen Chip und keine Labestationen. Es gibt nur ein Ziel: eine Zahl auf dem Display meiner nagelneuen Suunto-Uhr.
Mein Support ist weg. Der Allgäuer Trailchamp Dodo Philipp hatte mich auf den ersten 5000 Höhenmetern unterstützt, mir die Zeit verkürzt, gut zugesprochen. Die ersten fünf Läufe, die vom Seeufer auf 800 Meter Meereshöhe starteten und auf 1600 Metern an der oberen Station der Gondelbahn endeten, waren schnell vorbei. Jeden Meter, den wir nach oben schrieben, durften wir bequem wieder nach unten fahren. Dann war es plötzlich 17 Uhr und die Gondel blieb stehen. Alles Betteln nutzte nichts. Ich hätte den Schlüssel genommen, niemandem etwas verraten und am nächsten Morgen wäre der Gondelverkehr pünktlich um 9 Uhr gestartet. Keine Spur von einem Trailrunner, der eine Nacht lang nach unten gefahren wäre.
So, jetzt ist es sehr schwer. Das erste Zwischentief ist in meinen müden Beinen spürbar und der präsente Gedanke, dass ich noch mindestens sechs Mal da hoch muss — hoch muss und wieder runter — wird immer stärker. Genau das wird das Problem, das in meiner semiprofessionellen Planung nie auftauchte. Mit dem Feierabend der Bahn verschwinden auch die Wandersleut’, die heute für viel Abwechslung sorgten. Sie motivierten bei jedem Run nach oben, denn es war ein gutes Gefühl, an den Leuten vorbeizuziehen und mit einem lässigen „Servus“ oder „Griaßts Eich!“ zu grüßen.
Die 20 Minuten Pause in meinem Basislager haben Wunder gewirkt. Das Wohnmobil auf dem Parkplatz der Talstation steht verlassen und ich habe mich konsequent und mit ein bisschen Zwang durch Unmengen Quarktaschen, Fruchtschnittchen, Käsebrezeln und Nussmix gegessen. Es wirkt. Lauf Nummer 7 wird zum Highlight. Ich könnte jetzt mit verbundenen Augen die fünf Kilometer nach oben laufen. Ich lass mich von den Stone Temple Pilots berieseln, aber die nerven mich nach 20 Minuten und ich kämpfe mich mit purem Naturesound nach oben.
Drei Mal ziehe ich konsequent den Weg zum Herzogstandhaus hoch und nach unten durch. 7000 Höhenmeter zeigt mein Display an. Mir wird das Unterfangen langsam selbst etwas unheimlich. Was mache ich denn da? Es ist mittlerweile dunkel. Ich habe weder zu trinken noch zu essen und es liegen noch fast 2000 Höhenmeter vor mir. Hier im Ort ist alles dicht. Rotzbesoffene Jugendliche versammeln sich um mein Basislager, nerven mich mit dummen Fragen, wollen Kippen schnorren und wissen, weshalb ich nicht in Adidas-Schuhen laufe.
„Ich rauche nicht!“
„Ja, was tun Sie denn da überhaupt?“, will das Pickelgesicht wissen.
„Ich will auf den Mount Everest!“, sage ich ihm und er zieht ab.
Ich sollte die Sache beenden, mich in ein ordentliches Wirtshaus setzen, warm essen und anschließend nach Hause fahren. Es würde reichen. 7000 Höhenmeter wären genug. Stattdessen fahre ich mit dem Mobil durch vier Ortschaften, steige bei der ersten Tankstelle in die Eisen und überfalle den Minishop. Ich erbeute vier große Flaschen Mineralwasser, eine Zwei-Liter-Flasche Pepsi und ein unüberschaubares Sammelsurium an Schokokeksen und Bifis. Die Hälfte von allem verschlinge ich während der Rückfahrt.
Zurück an der Talstation mache ich mich auf zu einem endlos langen neunten Anstieg. Ich bin müde und friere und dennoch fühlt sich wieder alles richtig an. Es ist ein ständiges Auf und Ab. Ein Wechselbad zwischen hundeelend und pudelwohl. Oben am Herzogstandhaus wartet ein Engel auf mich, eine Rettung, von der ich nichts weiß und auch nichts wissen will. Ich habe bis heute nicht erfahren, ob der Kerl nun Jäger, Förster, Massenmörder, CSU-Mitglied oder Greenpeacemitarbeiter war. Jedenfalls hat er mich in seinem Four-Wheel-Drive über die Schotterstraße mit nach unten genommen und mich sprachlos an meinem Ausgangsort abgesetzt.
Um genau 0 Uhr verliere ich offensichtlich meinen Verstand. Ohne Pause schinde ich mich wieder beim Aufstieg. Ich will, dass das Ding hier ein Ende findet und dazu fehlen mir noch rund 1000 Höhenmeter. Ich gebe den Stone Temple Pilots eine zweite Chance. Es funktioniert, aber ich wechsle auf die Beastie Boys und der New Yorker Beat aus drei MCs und einem DJ pusht mich hoch.
Es war der letzte Lauf bis ganz nach oben. Dieses Wissen lässt mich nach unten rasen. Der Trail ist knifflig, das Schmelzwasser verwandelt die Steine und Wurzeln zu einem ungreifbaren Untergrund und es fällt schwer, nach 17 Stunden auf den Beinen konzentriert zu sein. Mein Kopf und mein Körper arbeiten.
Keine Höhenmeter zu viel werde ich machen! Nein, die Helden, die den Everest besteigen, können sich nicht elender fühlen. Ich bin leer.
Bei 8,85 Kilometern bleibe ich stehen und sinke zu Boden. Kein Ziel. Keine Durchsage, dass Denis Wischniewski einläuft. 18 Stunden und 59 Minuten.
Mein erster 8000er.
Um 3.15 Uhr fahre ich nach Hause und liege um 4.30 Uhr neben meiner Frau im Bett. Ich kann nicht einschlafen, meine Beine bewegen sich, obwohl der ganze Typ schweinemüde ist.
Es war super!
Text: Denis Wischniewski / 2012
Fotos: Oliver Soulas