Mauro Martín Quimare, Jennifer Yáñez Cruz und Reyes Giltro Satevo Sarabeachi kommen aus dem Norden Mexikos. Aus Chihuahua, genauer gesagt aus der Sierra Tarahumara. Einer Gegend, die unter Trailrunnern spätestens seit einigen Jahren einen beinahe mythischen Klang hat.
Denn hier leben die Rarámuri. Eine indigene Gemeinschaft, bei der Laufen nicht irgendwann zum Hobby wurde, weil man sich eine GPS-Uhr gekauft und für den ersten 50er angemeldet hat. Gelaufen wird dort seit Generationen. Um von einem Ort zum anderen zu kommen. Um Menschen zu treffen. Als Teil des Alltags, der Kultur und des gemeinschaftlichen Lebens.
Und jetzt stehen drei Rarámuri beim größten Trailrunning-Zirkus der Welt an der Startlinie.
Von Chihuahua direkt nach Chamonix
Beim Finale der UTMB World Series Ende August starten Quimare, Yáñez Cruz und Satevo Sarabeachi auf zwei der berühmtesten Strecken des UTMB-Wochenendes: über die 100 Meilen des UTMB und die rund 100 Kilometer des CCC.
Das Besondere daran: Laut Veranstalter sind sie die ersten Rarámuri, die bei einem offiziellen Rennen des HOKA UTMB Mont-Blanc antreten.
Ihr Ticket nach Chamonix mussten sie sich dabei ziemlich handfest erlaufen.
Bei der ersten Ausgabe des Chihuahua by UTMB 2025 kamen alle drei in ihren Kategorien unter die ersten Drei. Damit gab es den direkten Startplatz fürs große World-Series-Finale – ganz ohne Losverfahren.
Und irgendwie passt das ziemlich gut.
Erst laufen sie in ihrer Heimat durch die Kupferschluchten, ein paar Monate später stehen sie zwischen tausenden Läufern in Chamonix und machen sich auf den Weg rund um den Mont Blanc.
Trailrunning kann manchmal erstaunlich kleine Welten verbinden.
„Die mit den leichten Füßen“
Der Begriff Rarámuri wird häufig mit „die mit den leichten Füßen“ übersetzt. Klingt ein bisschen zu perfekt für eine Trailrunning-Geschichte, ist aber eben weit mehr als ein hübscher Name.
Mauro Martín Quimare stammt aus Batopilas, Jennifer Yáñez Cruz und Reyes Giltro Satevo Sarabeachi aus Guachochi. Orte mitten in einer Landschaft, in der Wege lang, Dörfer weit auseinander und Höhenmeter ziemlich selbstverständlich sind.
Wer dort läuft, läuft nicht zwingend nach Trainingsplan.
Julio Chávez vom Tourismusverband Chihuahua beschreibt es so: Trailrunning werde in Chihuahua auf natürliche und traditionelle Weise betrieben, weil die indigenen Gemeinschaften das Laufen seit jeher nutzen, um miteinander in Verbindung zu bleiben.
Das ist vielleicht auch der spannendste Punkt an dieser Geschichte.
Wir sprechen im modernen Trailrunning gerne über „Back to the roots“, über Einfachheit, Naturverbundenheit, Reduktion und das große Abenteuer vor der Haustür. In der Sierra Tarahumara braucht es diese romantische Rückbesinnung gar nicht. Dort war Laufen nie weg.
Und dann kommt Chamonix
Natürlich ist ein UTMB heute etwas völlig anderes.
Mehr als 10.000 Läufer aus aller Welt, riesige Startfelder, Sponsoren, Livestreams, Profiathleten, volle Straßen und eine Woche lang Trailrunning im Ausnahmezustand.
Mittendrin nun drei Läufer aus einer Kultur, deren Verhältnis zum Laufen älter ist als praktisch alles, was wir heute unter organisiertem Trailrunning verstehen.
Genau deshalb dürfte es interessant werden, ihnen zuzusehen.
Nicht, weil man die Rarámuri zu irgendwelchen mystischen Überläufern verklären sollte. Auch sie müssen 100 Kilometer oder 100 Meilen erst einmal ins Ziel bringen. Und die Alpen interessieren sich bekanntlich herzlich wenig für Herkunft, Geschichten oder große Namen.
Aber die Perspektive ist eben eine andere.
Und manchmal tun solche Perspektiven unserem Sport ziemlich gut.
Danach geht’s zurück nach Chihuahua
Nur wenige Wochen nach dem UTMB Mont-Blanc findet Anfang Oktober die zweite Ausgabe des Chihuahua by UTMB statt.
2025 kamen zur Premiere nach Angaben der Veranstalter rund 2.000 Läuferinnen und Läufer aus 38 Nationen in die Sierra Tarahumara. Für ein Rennen im ersten Jahr ist das eine ziemlich ordentliche Ansage.
Die Kulisse liefert ohnehin Argumente genug: tiefe Canyons, Wälder, steile Anstiege, abgelegene Trails und mit den Barrancas del Cobre eine Landschaft, die schon auf Bildern so aussieht, als hätte jemand einen ziemlich guten Spielplatz für Ultraläufer gebaut.
Nur ist dieser Spielplatz eben gleichzeitig Heimat.
Lilian Cánovas von UTMB LATAM beschreibt gerade das als besondere Erfahrung der ersten Austragung: die Landschaft, den Wettkampf und die Begegnung mit den Rarámuri miteinander zu teilen.
Und vermutlich liegt genau darin die große Chance dieses Rennens.
Nicht einfach noch ein UTMB-Event irgendwo auf der Welt zu sein, sondern eines, bei dem der Ort tatsächlich etwas mit der Geschichte des Laufens zu tun hat.
Drei Namen, die man sich merken kann
Mauro Martín Quimare. Jennifer Yáñez Cruz. Reyes Giltro Satevo Sarabeachi.
Drei Namen, die in Chamonix vielleicht nicht so viele Menschen kennen werden wie die der großen internationalen Stars. Noch nicht jedenfalls.
Aber ihre Geschichte passt ziemlich gut an diesen Ort.
Denn am Ende funktioniert Trailrunning immer noch am besten, wenn jemand losläuft, ein langer Weg vor ihm liegt und man nicht genau weiß, was unterwegs passieren wird.
Und von der Sierra Tarahumara bis zum Mont Blanc ist es ein verdammt langer Weg.
Chihuahua by UTMB
Die zweite Ausgabe des Chihuahua by UTMB findet vom 2. bis 4. Oktober 2026 in den Kupferschluchten der Sierra Tarahumara statt. Das Rennen gehört zur UTMB World Series und führt durch eine der spektakulärsten Trailregionen Mexikos – und durch die Heimat der Rarámuri.
Mehr Infos: chihuahua.utmb.world