UTMB 2026 der Männer: Der König ist zurück?

27. Juli 2026 •

Kilian Jornet will zurück auf den UTMB-Thron. Doch zwischen ihm und dem fünften Sieg stehen ein angeschlagenes Knie, eine neue Generation von Tempomachern und mehr als 170 gnadenlose Kilometer rund um den Mont Blanc. Wird die Legende noch einmal zum König – oder endgültig von der Zukunft überholt?
Kilian Jornet kehrt vielleicht nach Chamonix zurück. Doch die Konkurrenz ist schneller, besser und selbstbewusster geworden. Der UTMB 2026 wird kein nostalgisches Comeback, sondern ein Härtetest für den Ausnahmeathleten, der zunehmend mit seinem Körper und dem Alter kämpft.
Kilian Jornet ist wieder da. Viermal hat er den UTMB gewonnen. Jetzt will er den fünften Sieg, den alleinigen Rekord, noch einmal die Krone.

Er plant die Rückkehr. Doch sein Knie entscheidet, ob sie tatsächlich stattfindet. Nach dem Aus beim Western States 100 hat er nun auch sein erfolgreichstes Rennen, Sierre–Zinal, gestrichen. Alles scheint dem UTMB untergeordnet zu sein. Noch steht jedoch nicht fest, ob sein Körper den Plan mitmacht.
Jornet bleibt der größte Name des Rennens. Im Moment ist er allerdings auch dessen größtes Fragezeichen.
Chamonix wartet nicht auf Legenden. Der UTMB kennt keine Dankbarkeit, keinen Bonus für große Namen und keine Abkürzung zum Ziel. Jornet kommt nicht zurück, um sich feiern zu lassen. Er kommt, um zu gewinnen. Geschenkt haben will er ganz sicher nichts. Genau deshalb wird es interessant.
Seit seinem letzten UTMB-Sieg hat sich der Sport weiterentwickelt. Die Rennen sind schneller geworden, die Vorbereitung professioneller, die Spitze breiter. Kilian ist weiterhin der ultimative Profi und ein akribischer Arbeiter, doch andere haben seine Methoden längst übernommen und teilweise weiter verfeinert.
Früher reichte es, die Berge besser zu verstehen als die Konkurrenz. Heute muss man sie verstehen und gleichzeitig brutal schnell laufen.
Jornet bringt Erfahrung mit. Niemand liest ein Rennen wie er. Niemand reagiert so selbstverständlich auf Wetter, Gelände und Krisen. Er kann warten. Er kann improvisieren. Und er kann leiden.
Aber reicht das noch? Sein Körper ist das Fragezeichen. Nicht sein Kopf. Nicht seine Klasse. Über mehr als 170 Kilometer werden kleine Probleme groß. Ein gereiztes Knie bleibt nicht klein. Spätestens in der zweiten Rennhälfte wird es zum Gegner.
Ein gesunder Jornet ist ein Favorit. Ein angeschlagener Jornet ist verwundbar.

Walmsley will das Rennen zerstören
Jim Walmsley steht für das Gegenteil. Der Amerikaner will nicht abwarten. Er will Tempo machen: früh, hart und ohne Rücksicht auf Traditionen oder taktische Höflichkeit.

Walmsley hat gezeigt, dass man den UTMB offensiv gewinnen kann. Nicht nur überleben. Nicht nur verwalten. Angreifen. Das ist Jim. Seine Stärke ist zugleich seine größte Gefahr. Läuft er sein Tempo, müssen alle reagieren. Überzieht er, bestraft ihn der Berg. Das macht seine Rennen so faszinierend. Bei Walmsley gibt es selten ein kontrolliertes Dazwischen. Entweder zerlegt er die Konkurrenz – oder irgendwann sich selbst. Ist die Strecke schnell und das Wetter stabil, kommt ihm vieles entgegen. Wird die Nacht kalt, technisch anspruchsvoll und chaotisch, verschiebt sich der Vorteil.

Dann könnte Jornets Stunde schlagen.
Evans wartet auf den Fehler
Tom Evans braucht keinen Lärm. Der Titelverteidiger läuft kontrollierter, geduldiger und vielleicht auch klüger. Evans hat gelernt, dass der UTMB nicht in den ersten Stunden gewonnen wird. Verloren werden kann er dort trotzdem.
Er hält sich zurück. Beobachtet. Wartet. Und greift an, wenn andere bereits für ihre Fehler bezahlt haben.

Walmsley will das Rennen von vorne diktieren. Evans will, dass die Konkurrenz sich selbst schwächt. Jornet will jede Situation besser lösen als alle anderen. Drei Läufer. Drei Philosophien. Genau daraus entsteht die Spannung.

Bouillard ist kein Geheimtipp mehr
Vincent Bouillard darf nicht mehr als Überraschungsmann verkauft werden. Dafür hat er zu viel gewonnen – zu souverän und zu regelmäßig.
Der Franzose ist UTMB- und Western-States-100-Champion. Noch Fragen?
Bouillard kennt die Alpen. Er bleibt ruhig. Er verschwendet selten unnötig Energie. Und er wird von einem Publikum getragen, das jeden französischen Angriff feiern wird.
Das Heimspiel ist jedoch keine Romanze. Wenn die Beine schwer sind und der Kopf nach Gründen zum Aufgeben sucht, können die Stimmen am Streckenrand einen Unterschied machen. Bouillard darf sich dieser Unterstützung an nahezu jeder Stelle des Rennens sicher sein.
Auch Baptiste Chassagne, Mathieu Blanchard und Théo Detienne stehen für französische Qualität. Nicht jeder von ihnen wird um den Sieg laufen. Gemeinsam können sie das Rennen dennoch verändern.
Auch das gehört zum UTMB der Neuzeit: Teamkonstellationen beeinflussen den Rennverlauf. Sie können das Tempo erhöhen, Gruppen sprengen und Favoriten zu frühen Reaktionen zwingen.
Der UTMB wird nicht nur zwischen drei großen Namen entschieden. Der schnellste Läufer gewinnt nicht immer
Mehr als 170 Kilometer sind lang genug, um jede Schwäche freizulegen. Tempo allein reicht nicht. Ausdauer allein ebenfalls nicht. Man muss bergauf effizient bleiben und bergab schnell laufen, ohne die Beine zu zerstören. Man muss essen, obwohl der Magen streikt. Entscheidungen treffen, obwohl der Kopf müde wird. Und man muss durch die Nacht kommen.
Dort trennt sich das Feld. Nicht unbedingt an der steilsten Stelle, sondern dann, wenn Müdigkeit, Kälte und Zweifel gleichzeitig auftreten.
Beim UTMB gewinnt selten der Läufer mit der stärksten einzelnen Fähigkeit. Es gewinnt der vollständigste Athlet.
Das ist der Reiz des wichtigsten Rennens des Jahres.

Mein Favorit
Ist Kilian Jornet gesund, bleibt er für mich der Mann, den es zu schlagen gilt. Nicht, weil er der Schnellste ist. Das ist er wahrscheinlich nicht mehr. Sondern weil niemand über so viele Lösungen verfügt.
Walmsley kann das Rennen sprengen. Evans kann es kontrollieren. Bouillard kann jeden Fehler bestrafen. Aber Jornet kann seine Strategie während des Rennens verändern. Er braucht keinen perfekten Plan. Er braucht nur eine Chance.
Genau das macht ihn gefährlich.
Der UTMB 2026 ist deshalb mehr als die Rückkehr einer Legende. Es geht um die Frage, ob der beste Problemlöser des klassischen Ultratrails noch einmal gegen die Geschwindigkeit der neuen Generation bestehen kann.

Und dann ist da natürlich noch Hannes Namberger.
Er zählt zu jener zweiten Reihe, die so stark besetzt ist, dass sie ganz nach vorne laufen kann. Der Mann aus Ruhpolding hat nun seinen Superschuh, er besitzt die nötige Erfahrung und kennt die Strecke mit all ihren Besonderheiten.
Mit dem Lavaredo-Streckenrekord in der Tasche und voller Selbstvertrauen wird er am Start stehen. Wir trauen ihm schlicht alles zu.

Ende August gibt der Mont Blanc die Antwort.

Die persönliche Favoritinnen-Vorschau für das Frauenrennen folgt im zweiten Teil.
von Denis Wischniewski

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