Liebe Katharina, Du hattest die Bob Graham Round schon länger im Kopf. Was hat dich daran so gereizt?
Eigentlich beschäftigt mich die Bob Graham Round schon, seit Kilian sie gelaufen ist – und spätestens, seit die Bestzeit noch einmal deutlich verbessert wurde. Die Runde hat eine enorme Geschichte, und wenn man sich anschaut, wer dort bereits unterwegs war, merkt man schnell, wie hoch das sportliche Niveau ist. Für mich war klar: Das würde eine sehr große Challenge werden.
Genau das hat mich gereizt. Ich glaubte zwar, dass ich die Runde schaffen könnte. Aber bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob es tatsächlich reichen würde, sie in der gewünschten Zeit zu laufen. Dieses kleine Fragezeichen brauche ich. Eine Herausforderung wird für mich dann interessant, wenn der Ausgang eben nicht schon vorher feststeht.
Besonders ist auch der Stil, in dem die Bob Graham Round gelaufen wird. Man kann das nicht allein machen, sondern ist auf ein Team und auf die Unterstützung der lokalen Community angewiesen. Ende vergangenen Jahres wurde die Planung konkreter. Ich wandte mich zunächst an John Kelly, der mich an Leute weitervermittelte, die solche Versuche dort schon häufiger organisiert hatten. Daraus entstand eine WhatsApp-Gruppe mit 40 oder 50 Läuferinnen und Läufern.
Du hast es richtig ernst genommen!
Im Mai reiste ich bereits hin, um mir die Strecke anzuschauen und die Menschen kennenzulernen. Dabei konnte ich sehr davon profitieren, dass sich die Leute untereinander gut kennen und genau einschätzen können, wer auf welchem Abschnitt helfen oder mitlaufen kann. Gleichzeitig haben sich unglaublich viele freiwillig gemeldet. Das hat die ganze Sache besonders gemacht.
Ursprünglich wollte ich den Versuch schon im Mai starten, wurde dann aber krank. Auch beim zweiten Anlauf fiel die Entscheidung wegen des Wetters sehr kurzfristig. Trotzdem war diese Gruppe sofort wieder da. Wir haben gefragt: „Wer hat Zeit?“ – und erneut meldeten sich viele Menschen, die bereit waren, ihren Tag dafür herzugeben.
Du kamst erst zwei Tage zuvor aus den USA zurück. Wie lief dein Rekordversuch auf der Bob Graham Round – und wann wurde es wirklich hart?
Er lief erstaunlich gut, obwohl das überhaupt nicht selbstverständlich war. Hinter mir lagen eine 24-stündige Reise und der Jetlag. Deshalb wusste ich nicht, wie mein Körper reagieren würde. Der Vorteil war, dass ich aus der Höhe kam. Zumindest musste ich mir keine Gedanken darüber machen, ob mir genügend Sauerstoff zur Verfügung stehen würde.
Vom Start weg hatte ich gute Beine. Schon am ersten Anstieg merkte ich, dass ich locker bergauf laufen und gleichzeitig Druck machen konnte. Die ersten beiden Abschnitte waren deutlich schneller als geplant – obwohl der Zeitplan bereits einen kleinen Vorsprung auf den bestehenden Rekord vorgesehen hatte.
Etwa zur Hälfte wird die Strecke sehr technisch. Man kommt deutlich langsamer voran, muss sich durch schwieriges Gelände bewegen und an einer Stelle auch klettern. Dort waren wir mit zusätzlicher Sicherung unterwegs, die ich im Training nicht testen konnte, weil ich allein gewesen war. Das machte mich im Vorfeld nervös. Als dieser Abschnitt geschafft war, lief es aber wieder richtig gut.
Auf den längeren Anstiegen gegen Ende konnte ich meine Stärken ausspielen. Solange ich mich gut fühlte, wollte ich aufs Gaspedal drücken und Zeit herausholen. Gleichzeitig konnte ich die Landschaft und dieses gemeinsame Unterwegssein genießen.
Erst auf den letzten 20 Kilometern kam ich wirklich in die Pain Cave. Körperlich konnte ich noch erstaunlich gut dagegenhalten, aber mental wurde es hart. Um Kilometer 70 oder 80 herum verlangt die Strecke enorme Konzentration. Man läuft nicht immer auf Wegen. Die schnellste Linie führt teilweise mitten durch Gebüsch oder über unübersichtliches Gelände. Nach so vielen Stunden fokussiert zu bleiben und keinen Fehler zu machen, empfand ich beinahe als anstrengender als die körperliche Belastung.
Das ist also schon ganz anders als so ein Rennen das du sonst läufst?
Von einem organisierten Rennen unterscheidet sich ein Versuch auf der Bob Graham Round vor allem durch das Miteinander. Die Belastung und mein Leistungsanspruch waren mindestens genauso hoch – vielleicht hat sich meine Performance sogar besser angefühlt als bei meinen stärksten Rennen. Aber man ist nie allein. Es läuft immer mindestens eine Person mit.
Und man läuft ausschließlich gegen die Uhr. Bei einem Rennen sieht man vielleicht eine Konkurrentin oder weiß, dass man bereits einen Vorsprung hat. Dann kann man unter Umständen kurz herausnehmen. Diese Möglichkeit gab es hier nicht. Die Uhr läuft weiter, also war ich praktisch die ganze Zeit auf Zug.
Gleichzeitig kommen all diese Menschen nur für dich. Sie geben ihren Tag her, um dich zu unterstützen. Und ich kann im Gegenzug das Erlebnis und meine Begeisterung mit ihnen teilen. Diese Form von Gemeinschaft gibt es bei keinem normalen Rennen. Genau deshalb wollte ich das unbedingt einmal erleben.
Wo ordnest du deine Leistung auf der Bob Graham Round für dich ein?
Sehr weit oben. Ich habe das Gefühl, dass ich leistungsmäßig gerade noch einmal eine neue Stufe erreiche. Was ich auf der Bob Graham Round abrufen konnte, kam dem am nächsten, was mir zuvor auf Madeira gelungen war. Gleichzeitig bin ich mir nicht sicher, ob ich eine solche Leistung schon einmal über die gesamte Dauer eines Rennens zeigen konnte. Das motiviert mich sehr für die Zukunft.
Man darf auch nicht unterschätzen, wie stark der bisherige Rekord war und wie schwierig es überhaupt ist, diese Strecke sauber zu bewältigen. Dass ich die Bestzeit auf der Bob Graham Round nicht nur brechen, sondern noch einmal um mehr als 20 Minuten verbessern konnte, hätte ich mir selbst kaum zugetraut. Dass wir dabei so nah an eine der absoluten Referenzzeiten herangekommen sind, macht die Leistung für mich noch wertvoller.
Wichtig war für mich auch das Feedback aus der lokalen Community. Das sind Menschen, die die Runde selbst gelaufen sind oder viele Versuche begleitet haben. Sie können sehr genau beurteilen, was eine Zeit dort bedeutet. Von ihnen zu hören, dass diese Leistung außergewöhnlich war, hat mir viel bedeutet.
Ein Freund fragte mich danach, welche Punktzahl ich mir selbst geben würde. Meine Antwort war: auf jeden Fall eine höhere als für Madeira. Und Madeira war neben der Weltmeisterschaft bislang einer meiner höchsten persönlichen Scores. Entsprechend weit oben ordne ich diesen Tag ein.
BOB GRAHAM ROUND – DIE FAKTEN
📍 Lake District, England
🏁 Start und Ziel: Moot Hall in Keswick
⛰️ 42 Gipfel
📏 ca. 106 Kilometer
📈 ca. 8.200 Höhenmeter
⏱️ Zeitlimit: 24 Stunden
🧭 traditionell in 5 Abschnitte unterteilt
Die Runde geht auf Bob Graham zurück, der die 42 Gipfel im Juni 1932 in 23 Stunden und 39 Minuten überquerte.