Denis´Kolumne

12. Januar 2026 •

In jeder Ausgabe der TRAIL findet ihr die Kolumne von Herausgeber Denis Wischniewski.

Der März 1994 war einer dieser Monate, die sich weigern, eine Entscheidung zu treffen. Kein Winter mehr, aber auch noch kein Frühling. Die Luft grau, das Licht stumpf, die Stadt gedämpft. In dieser Zwischenzeit lief Johannes Grabowski jeden Nachmittag in das kleine Waldstück bei Bonn. Die Bäume standen wie stumme Zuschauer herum, mit Ästen, die sich in der Kälte zu Krallen verzogen. Johannes sah sie kaum. Er lief, weil er sonst stehen geblieben wäre, und stehen bleiben war das Einzige, was er gerade nicht mehr konnte.
Der Hang, den er sich ausgesucht hatte, war weder besonders hoch noch besonders schön. Er war einfach da. Eine unbequeme Steigung, die seinen Atem jedes Mal zerschnitt. Oben hatte man diesen Blick über den Rhein, eine große, schweigende Fläche. Ein bisschen bis Bonn, ein bisschen Bundesgästehaus, ein bisschen Landschaft, die so tat, als könne sie einen trösten. Johannes starrte jedes Mal kurz in die Weite, suchte etwas dort draußen, das er nicht benennen konnte, und fand nichts.

Er trug alte Wanderstiefel und eine graue Jogginghose, die mal zu ihm gehört hatte, als er noch jemand gewesen war, der sich auf Klassenfahrten freute. Ein schief hängender Gummibund, eine Erinnerung an ein Leben, das nicht mehr passte. Bergab rannte er, als wäre er vor etwas auf der Flucht, bergauf stemmte er sich gegen die Schwerkraft, als wollte er der Welt beweisen, dass er noch existierte. Diese Anstrengung war der einzige Moment des Tages, in dem sein Kopf nicht lauter war als alles andere.

Vier Monate war er wieder in Deutschland. Vier Monate, in denen sein Leben ihn nicht zurücknahm. Die Ärztin, die seinen Rücken behandelt hatte – eine Frau mit der Ruhe eines Menschen, der schon längst akzeptiert hat, dass man nicht alles reparieren kann –, hatte es vorsichtig ausgesprochen: Der Rücken würde heilen. Aber das Gehirn, das könne anders sein. Vielleicht für immer. Johannes hatte genickt, aber das Gefühl gehabt, sie rede über jemanden, der zufällig denselben Namen trug.
Er lebte mit seiner Freundin in einer Einliegerwohnung. Ihre Eltern waren freundlich, kultiviert, bemüht. Beide Lehrer. Weltverbesserer im Kleinen. Sie mochten Johannes, aber immer schwang da etwas mit, das er nicht greifen konnte: eine Mischung aus Fürsorge und Misstrauen, als sähen sie in ihm eine Maschine, die jeden Moment wieder anspringen und zerstören könnte, was sie „Normalität“ nannten. Sie verstanden nicht, warum er sich freiwillig gemeldet hatte. Warum jemand, der Geld hatte, Sicherheit und Optionen, ausgerechnet Krieg suchte.

Er hatte keine Antwort darauf. Außer vielleicht, dass niemand versteht, was in einem jungen Mann passiert, der zu früh gelernt hat, dass Menschen verschwinden. Dass Eltern sterben. Dass Herkunft nicht schützt. Vielleicht war der Krieg nur der nächste Raum, in dem das, was in ihm war, nicht aufgefallen wäre.

Tagsüber funktionierte er. Meistens. Er saß am Frühstückstisch, hörte zu, nickte, griff manchmal nach einer Tasse, um ihr Gewicht zu spüren. Aber in seinem Kopf gab es Türen, die sich irgendwann selbst öffneten. Geräusche, die nur er hörte. Bilder, die sich ihm aufdrängten, egal ob jemand gerade über Politik sprach oder ob der Hund der Familie sich schüttelte und sein Halsband klirrte. Dann war Johannes plötzlich wieder dort: an Orten, die wie verbranntes Metall rochen, an Tagen, die niemand überlebt hatte. Er sah die Dinge wieder, so klar, dass ihm schwindlig wurde. Er sah Menschen, die nicht mehr da waren.

Er schwieg viel. Er schwieg so sehr, dass seine Freundin manchmal vergaß, welche Stimme er hatte. Und wenn er weinte, tat er es still, als müsse er sich selbst dabei nicht stören. Tränen, die einfach liefen, ohne große Bewegungen. Das Gesicht still, die Schultern still, nur die Augen, die irgendwann überliefen, weil der Druck zu groß wurde.

Die Läufe waren sein Ventil. Nicht, weil sie halfen – das taten sie selten –, sondern weil sie ihn für kurze, winzige Momente ins Jetzt zwangen. Der Körper kann nur eine bestimmte Menge Schmerz gleichzeitig tragen. Wenn die Lunge brennt, merkt man weniger, was im Kopf passiert. Das war ein Tauschgeschäft, mehr nicht.

Manchmal, nachdem er oben angekommen war und der Wind ihm ins Gesicht schlug, hatte er diesen Sekundenbruchteil, in dem sich die Welt wieder scharf stellte. In dem der Rhein normal aussah, die Bäume normal rochen, sein Leben normal wirkte. Es dauerte selten länger als einen Atemzug. Aber es war genug, um am nächsten Tag wieder hinaufzulaufen.

Und noch einen Tag.
Und noch einen.

Johannes lief, weil er glaubte, dass es irgendwo da draußen einen Moment geben musste, der ihn wieder ganz machte. Vielleicht oben auf einem Hügel, vielleicht mitten auf einem Waldweg, vielleicht in einem einzigen, tiefen Atemzug, in dem der Krieg keine Zähne mehr hatte.

Bisher hatte er ihn nicht gefunden.

Aber er lief weiter.

Den Hang hinauf. Und wieder hinab.
Als würde am Ende dieses Weges eine Antwort warten, die nur ihm bestimmt war.
von Denis Wischniewski

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