90 Jahre Suunto – Die Kunst sich zu orientieren

24. April 2026 •

Seit 1936 baut Suunto Instrumente, die Orientierung geben – erst im Gelände, heute am Handgelenk.
Es ist ein kalter Morgen in Helsinki, als die ersten Läufer am Kai entlanglaufen. Der Himmel hängt schwer über der Ostsee, als trüge er Erinnerungen, die nicht vergehen wollen. Das Licht ist milchig, fast zögerlich, und die Luft so klar, dass jeder Atemzug ein spürbar ist. Auf manchen Handgelenken blinkt es gelb – ein leiser, fast unscheinbarer Ton, und doch für Eingeweihte ein Zeichen. Ein Versprechen vielleicht. Oder eine Erinnerung daran, dass Orientierung nie selbstverständlich ist und war.

Der Ursprung der Orientierung
Im Februar 2026 wird Suunto 90 Jahre alt. Neun Jahrzehnte, die nicht einfach so vergangen sind, sondern sich eingeprägt haben – in Landschaften, in Körper, in Entscheidungen. Eine Marke, geboren aus der Notwendigkeit, sich nicht zu verlieren. Und die heute zu den prägenden Namen im Markt für Sport- und Tauch-Wearables zählt. Doch ihre Geschichte beginnt nicht mit einer Uhr. Sie beginnt mit einem Bedürfnis. Und mit einem Kompass.
1936 entwickelt der finnische Erfinder Tuomas Vohlonen einen flüssigkeitsgefüllten Feldkompass. Präziser soll er sein, robuster, verlässlicher. Gebaut für Winter, die kalt und weiss sind, für Wälder, die keinen Weg kennen, für Menschen, die weitergehen müssen, auch wenn es keinen Pfad gibt. Was wie eine technische Innovation klingt, ist in Wahrheit ein stilles Bekenntnis: Orientierung ist keine Komfortfrage. Sie ist Überleben und Weiterlaufen.
Als Vohlonen früh stirbt, ist es seine Frau Elli, die das Unternehmen weiterführt. In einer Zeit, die wenig Raum ließ für Zweifel, schon gar nicht für Schwäche. Präzision, Zurückhaltung, Funktionalität – das sind keine Worte, sondern Haltungen. Vielleicht ist es diese stille Entschlossenheit, die bis heute nachwirkt. Kein Lärm, keine Inszenierung. Nur Werkzeuge, die da sind, wenn es darauf ankommt. Und die nie versagen dürfen.
Die Wendepunkte der Firmengeschichte wirken im Rückblick beinahe unspektakulär – und gerade deshalb so eindrücklich. 1965 entdeckt man, dass ein Kompass auch unter Wasser zuverlässig arbeitet. Ein Detail, das Welten öffnet. Der erste Tauchkompass entsteht. 1997 bringt der Suunto Spyder die Logik des Tauchcomputers ans Handgelenk – plötzlich wird das Unsichtbare messbar. Und 1998 definiert die Suunto Vector eine neue Kategorie: Höhenmesser, Barometer, Kompass – vereint in einem einzigen Instrument. Das gelb-schwarze Design wird zu mehr als einer Ästhetik. Es wird zu einem Symbol für jene, die sich aufmachen. Für jene, die nicht sicher sind, ob sie zurückfinden – und es trotzdem immer wieder versuchen.

Vom Werkzeug zur Wegbegleitung
Während andere Marken beginnen, Fitness zu versprechen, bleibt Suunto bei etwas Grundsätzlicherem: Orientierung. Früh arbeitet das Unternehmen an GPS-Wearables, entwickelt Modelle wie die X9 oder die G9 – zu einer Zeit, in der satellitengestützte Navigation am Handgelenk noch wie eine Idee aus der Ferne wirkt. Später kommen Daten hinzu, Zahlen, Modelle: Herzfrequenzvariabilität, Trainingsanalysen, physiologische Auswertungen. Die 2004 eingeführte T6C bringt Laborwissen hinaus in die Wirklichkeit. Dorthin, wo Entscheidungen nicht theoretisch sind.
Und doch erzählt Suunto seine Geschichte nie nur über Technik. Sondern über Menschen. Über Gemeinschaft. es geht um uns! Bereits 2002 entsteht mit SuuntoSports.com ein Ort, an dem Sportler ihre Wege teilen – lange bevor Vernetzung zum Standard wird. Karten, Heatmaps, Funktionen für unterschiedlichste Disziplinen: Vieles entsteht im Dialog. Die Geräte messen nicht nur. Sie verbinden.

Ein Moment, der bleibt
Zum 90-jährigen Jubiläum blickt Suunto bewusst zurück. Am 10. März 2026 erscheint eine limitierte Auflage der Suunto Vertical 2 Titanium – 1936 Stück. Eine Zahl, die mehr ist als Referenz. Sie ist ein stiller Gruß an den Anfang. Formal erinnert die Uhr an die Vector: das Gelb, die Klarheit, die Reduktion. Technisch jedoch steht sie am vorläufigen Ende einer langen Entwicklung: längere Batterielaufzeit, präzisere Navigation, eine Intensitätssteuerung in Echtzeit auf Basis von HRV – ZoneSense genannt. Eine Technologie, die den Körper liest, ohne ihn zu überfordern. Die versteht, statt nur zu messen.
Der Preis: 799 Euro. Eine nüchterne Zahl. Fast spröde. Und vielleicht gerade deshalb passend. Denn auch der Begriff Outdoor hat sich verändert – und ist doch derselbe geblieben. Abenteuer beginnt nicht am Gipfel. Es beginnt früher. Mit einem Schritt. Mit einer Entscheidung. Mit dem Moment, in dem man weiterläuft, obwohl man längst hätte umkehren können. Im Jubiläumsjahr plant das Unternehmen Ausstellungen, Begegnungen, Momente des Innehaltens. Man will erinnern: an Expeditionen, an Extreme, an Menschen, die ohne präzise Navigation nicht zurückgefunden hätten. Und an jene, die heute laufen, tauchen, steigen – begleitet von einer Uhr, die mehr misst als Bewegung. Die auch Zweifel kennt. Und Erholung. Und die leise Grenze zwischen beidem. Vielleicht liegt genau darin das Paradox dieser Marke: Sie baut Instrumente für eine Zukunft, die immer ungewiss bleibt – und hält dabei an einer Idee fest, die aus dem Jahr 1936 stammt. Orientierung als etwas zutiefst Menschliches. Technik nicht als Antwort, sondern als Begleiter.
Am Kai in Helsinki sind die Läufer längst verschwunden. Nur ihre Spuren bleiben für einen Moment sichtbar, bevor auch sie sich verlieren. Das Licht hat sich verändert, die Wolken öffnen sich zögernd. Für einen Augenblick scheint alles klar. Und vielleicht ist es genau dieser flüchtige Moment, für den diese Instrumente einst geschaffen wurden.
INTERVIEW
Antti Laiho
Global Brand  Marketing Manager
SUUNTO

„Die Vector

war mehr als

nur eine Uhr“

Die Vector ist mehr als nur eine Uhr –
für viele steht sie für eine ganze Ära.
Was macht sie in deinen Augen zu einer Ikone?

Ihr Erfolg hat drei Gründe. Erstens: Sie war ein hervorragend funktionierendes Produkt mit eigenständigem Design. Die ABC-Funktionen – Höhenmesser, Barometer und Kompass – waren für Menschen draußen, besonders im Gebirge, enorm hilfreich und verlässlich.
Zweitens traf sie genau den richtigen Moment. Die Kultur des technischen Bergsteigens entstand: schnellere Aufstiege, leichteres, funktionaleres Material. Gleichzeitig wurde Backcountry-Skifahren immer populärer.
Und drittens wurde Outdoor mehr und mehr zum Lebensstil. Die Vector war ein sichtbares Zeichen dafür, dass man dazugehört.

Wann hast du gemerkt, dass sie Kultstatus erreicht hat?

Ich arbeitete damals noch nicht bei Suunto. Aber schon zur Einführung wusste ich, dass ich eine haben wollte. Ich entschied mich für die Altimax, die speziell auf Skifahrer ausgerichtet war. Ich habe es geliebt, Höhenmeter zu tracken und die Höhe zur Navigation zu nutzen. Ich habe sie noch heute – und sie funktioniert immer noch zuverlässig.

Welche Geschichten sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Die ersten Polarexpeditionen oder die Erstbesteigungen der Achttausender bleiben unerreicht in ihrer Faszination. Später hat mich besonders Göran Kropp beeindruckt: Er fuhr mit dem Fahrrad von Schweden zum Mount Everest, bestieg ihn ohne zusätzlichen Sauerstoff und fuhr anschließend wieder zurück.
Während meiner Zeit bei Suunto haben mich viele Athletinnen und Athleten inspiriert: Ueli Steck mit seinen extrem schnellen Aufstiegen, Greg Hill mit seinen langen Skitouren-Projekten, Courtney Dauwalter mit ihrem Triple-Crown-Sieg, Jakob Herrmann mit seinem 24-Stunden-Rekord im Skibergsteigen – und natürlich Kilian Jornet, der in den Bergen nahezu alles kann.

War die Vector ein technologischer Wendepunkt?

Ja, in gewisser Weise schon. Sie war eines der ersten digitalen Produkte, das sich im Outdoor-Sport wirklich durchgesetzt hat. Sie half dabei, Entscheidungen bei wechselndem Wetter und anspruchsvollem Gelände zu treffen, und ermöglichte Navigation mit Höhe und Kompass. Gleichzeitig bot sie erste Formen des Aktivitätstrackings, etwa das Erfassen von Höhenmetern.
Heute nutzen wir immer mehr Technologie draußen – und die Vector war ein prägender Teil dieser ersten Welle.

Was unterschied sie 1998 von anderen Produkten?

Sie begründete im Grunde eine neue Kategorie: die erste „ABC-Uhr“, die Höhenmesser, Barometer und Kompass in einem Gerät vereinte. Damit wurde sie zu einem entscheidenden Werkzeug für Bergsteiger und Entdecker weltweit.

Welche Funktionen waren damals revolutionär?

Der Sturmalarm ist ein gutes Beispiel: Er machte aus einer reinen Messung eine konkrete Handlungsempfehlung – und genau das ist bis heute ein entscheidender Unterschied.

Wo zeigt sich die DNA der Vector in der Vertical 2?

Funktional kann sie alles, was die Vector konnte – und deutlich mehr. Sichtbar wird die Verbindung im klassischen Zifferblatt und in der gelben Farbgebung, die an das Original erinnert. Außerdem zitiert sie unseren ersten Kompass aus den 1930er-Jahren.
von Denis Wischniewski

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